Ulrich Grober, ein deutscher Journalist und Autor, landete seinerzeit eine Punktlandung, als er den Kern des Wanderns beschrieb:

„Wandern ist kinderleicht. Es ist allen zugänglich – jung, alt, arm, reich, männlich, weiblich. Einfach losgehen…Offen sein, durchlässig werden für die Einflüsse von Natur, Landschaft und nicht zuletzt für die innere Stimme. Unterwegs die Pforten der Wahrnehmung möglichst weit öffnen. Unsere Sinne, die im urbanen Alltag verkümmern, wieder schärfen – darauf kommt es an… Strapazen und die Bereitschaft, manchmal bis an die eigenen Grenzen zu gehen, gehören durchaus dazu. Essenz des Wanderns ist das Erlebnis von Freiheit.“

 

Kürzer und treffender kann man das Wesen des Wanderns eigentlich nicht zum Ausdruck bringen. Jetzt verstehst Du eventuell ein wenig, warum es mich immer wieder per pedes in die Natur zieht.
In unregelmäßigen Abständen begebe ich mich dabei auch gerne in die Nähe meiner Grenzbereiche. Wenn Müdigkeit und Schmerz das Zepter übernehmen, zeigt sich immer sehr schnell, aus dem welchem Holz Du wirklich geschnitzt bist und wie gut Du Dein „WARUM“ im Vorfeld für Dich geklärt hast.

Der Hang zum Extremen zieht sich wie ein roter Faden durch mein bisheriges Leben. Mittlerweile sind viele meiner Extreme allerdings in eine gewisse Harmonie gekommen – das ist in meinen Augen eine wunderbare Begleiterscheinung des Älterwerdens. Ein halbes Jahrhundert bietet aber natürlich auch genügend Spielraum für Harmonisierung…

Dennoch gibt es ihn noch: diesen Drang nach extremerem Erleben.

Innere Einkehr auf 100 Kilometern 1

Schon längere Zeit spukte mir ein Gedanke im Kopf herum.
„Du musst am Niederrhein mal eine Solo-Wanderung über 100 km machen. Mal wieder nur Du, Dein Rucksack, ein wenig Essen und Trinken. Einfach morgens daheim los, die 100 km nonstop runterspulen und am nächsten Morgen wieder daheim sein.“
Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich Gedanken nicht lange Gedanken sein lasse, sondern sie auch recht schnell in die Tat umsetze. Die Route war schnell am Rechner geplant.

Die Distanz von 100 Kilometern ist mir und meinen Füßen nicht fremd. In der Vergangenheit bin ich diese und längere Distanzen bereits gejoggt oder gewandert. Jedoch bin ich 100 Kilometer noch nie völlig alleine angegangen. Bisher startete ich immer bei organisierten Veranstaltungen. In gewisser Weise ist es diesmal also auch eine Premiere.

 

Die Tour beginntInnere Einkehr auf 100 Kilometern 2

Heute – Christi Himmelfahrt – ist es so weit.
Strahlender Sonnenschein, tiefblauer Himmel und ein kaum spürbarer Windhauch: was willst Du mehr, wenn 100 Kilometer Strecke auf Dich warten?!

Mit ganz leichtem Gepäck geht es gegen 11:00 Uhr daheim in Hamminkeln los. In meinem Rucksack finden sich insgesamt 5 Liter Flüssigkeit (Cola Zero, Iso, Wasser), einige Kohlenhydrat-Riegel und ein paar luftgetrocknete Würstchen.
Zunächst geht es Richtung Lippe und dann am Rhein entlang bis an die Stadtgrenze von Duisburg.

Innere Einkehr auf 100 Kilometern 3Innere Einkehr auf 100 Kilometern 4Unterwegs gibt es immer wieder interessante und wunderbare Dinge zu entdecken.

Nach knapp 10 Stunden sind die ersten knapp 50 Kilometer geschafft.

Am Rande von Dinslaken lege ich ganz spontan einen kleinen Zwischenstopp bei zwei lieben Arbeitskollegen ein. Meine Route führt mich fast an ihrer Haustür vorbei, weshalb dieser Kurzbesuch mit keinem aufwendigen Umweg verbunden ist. Unter Wahrung des obligatorischen Corona-Sicherheitsabstandes sitzen wir eine Dreiviertelstunde auf der Terrasse und ich erfreue mich am kühlen Pils, das meine Kehle hinunter rinnt.

„Herrlich – tut das gut, mal was Kühles zu trinken, nachdem ich stundenlang nur sonnengewärmtes Zeugs in mich rein schütten konnte.“

Auch meine Füße freuen sich, dass sie für ein paar Minuten aus den Schuhen dürfen. Die kleinen Freuden einer Pause halt…

 

Auf in die Nacht

Gegen 21:30 Uhr breche ich wieder auf. Nun kommt die spannende zweite Hälfte der Wanderung auf mich zu. Es wartet während der Nachtstunden ein riesiges Waldgebiet auf mich – der Naturpark „Hohe Mark“. Nachts mutterseelenalleine durch ein Waldgebiet zu wandern hat in der Tat schon etwas Spezielles. Natürlich habe ich vor dieser Waldpassage im Dunkeln Respekt. Dieser Thrill – dieses nicht Alltägliche – ist aber auch genau der Grund, warum ich solche Dinge mache.

Wenn Du schon leicht ausgepowert bist und dann nachts mehrere Stunden durch einen Wald läufst, musst Du Dir das so vorstellen:
Ein dicht bewachsener Wald ist nachts dunkel, sogar sehr dunkel. Wo Du auf freier Fläche oftmals noch Schemen erkennen kannst, hüllt Dich tief im Wald ein schwarzer Mantel ein. Die Stirnlampe wirft einen kleinen Lichtkegel vor Deine Füße. In der Hand hältst Du zusätzlich eine leistungsstarke Taschenlampe und leuchtest die Umgebung vor Dir aus.
Meist unerwartet raschelt und knackt es regelmäßig links und rechts im Unterholz. Du zuckst zusammen und Deine Taschenlampe schwenkt automatisch in die Richtung, aus der Du das Geräusch vermutest. Beiläufig kommt Dir immer wieder in den Sinn, dass Wildschweine nachtaktive Tiere sind. Einem Wildschein oder gar einer Wildschweinrotte willst Du wirklich nicht begegnen – schon überhaupt nicht nachts, wo Du visuell auf absoluter Sparflamme unterwegs bist.

Nun aber wieder zurück zu meiner Wanderung durch die Nacht.
Folgend ein paar Eindrücke in bewegten Bildern:

 

 

Und immer wieder geht die Sonne auf…
Nach knapp 6 Stunden Dunkelheit erhebt sich gegen 04:30 Uhr langsam der neue Tag aus der nächtlichen Schwärze und es bewahrheitet sich wieder einmal, dass allem Neuen ein Zauber inne wohnt.

Innere Einkehr auf 100 Kilometern 6
Das neue Tageslicht weckt spürbar meine Lebensgeister und etwas mehr Wachheit, Klarheit und Power halten Einzug in meinen Körper. Naja, das mit der Power ist vielleicht ein wenig übertrieben. Ich bin nach 80 Kilometern und der durchwanderten Nacht nun doch körperlich etwas „zerbröselt“ und die noch zu bewältigenden 20 Kilometer tragen nicht gerade zu meiner Motivation bei.

„So Karsten, ab jetzt wird es mal wieder eine Kopfsache. Einen Schritt vor den anderen und irgendwann bist Du daheim.“  Das ist mein persönliches Mantra, was noch aus den Zeiten stammt, als ich Ultra-Distanzen joggte und auch dort regelmäßig den Punkt erreichte, wo die Motivation aufgrund von zunehmender Erschöpfung langsam flöten ging.

Um es kurz zu machen: Gegen 9:15 Uhr findet mein kleines Wanderabenteuer sein Ende. Ich erreiche Hamminkeln und schließe erschöpft – aber glücklich – die Haustür auf.
„Wow – war das mal wieder eine wundervolle Erfahrung! Jetzt musst Du aber erst einmal die körperliche Zeche für die besondere Belastung zahlen. Also rein ins AUA…“

In den letzten Stunden drehten sich meine Gedanken fast ausschließlich um 3 Dinge:
• DUSCHE
• NUDELN
• SCHLAFEN
Genau in dieser Reihenfolge arbeite ich dieses TRIO ab.

Meine Frau hatte mir netterweise bereits ein Pfund Nudeln gekocht und so fülle ich frischgeduscht zunächst meine arg geleerten Kohlenhydratspeicher.
Um 10:30 Uhr liege ich satt und erschöpft im kuscheligen Bett. Augenblicklich fallen mir die Augen zu und ich falle in einen sehr unruhigen, mehrstündigen Schlaf.

 

NACHWEHEN
Ich werde im Nachgang zu meinen extremeren Unternehmungen oftmals gefragt:
„Sag mal Karsten, ist das nicht ungesund? Was sagt denn Dein Körper dazu?“
Meine Antwort lautet schon seit vielen, vielen Jahren gleich.
Natürlich zahlst Du für alles, was Du Deinem Körper in extremeren Bereichen abverlangst, einen Preis. Dieser Preis setzt sich vor allem aus der Zerstörung von Körperstrukturen, dadurch resultierenden Schmerzen und einer starken Erschöpfung zusammen.
Selbstverständlich sind meine Füße und Fußgelenke nach solch einer 100 km-Wanderung einige Tage lang ordentlich angeschwollen. Meinen Knien und der Hüfte entnehme ich ebenfalls, dass sie zunächst einmal eines wollen: RUHE.
Das ist auch schon der entscheidende Punkt.

Wenn Du im Laufe Deines Lebens ein tiefes Gespür für Deinen Körper entwickelt hast, weißt Du relativ exakt, was Du Deinem Körper zumuten kannst. Du hast zudem die Gewissheit, dass Dein Körper zu Dingen in der Lage ist, die jenseits der Grenzen liegen, die im gesellschaftlichen Mainstream als „gesund“ und „normal“ definiert werden.

Du hast im Laufe der Zeit aber auch gelernt, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Belastung und Regeneration der Schlüssel zum Erfolg ist. Wenn ich viel von meinem Körper fordere, muss ich ihm anschließend viel von dem zugestehen, was er zur Regeneration, zur Reparatur und zur Adaption benötigt.
Zum Thema REGENERATION könnte ich eigentlich mal einen gesonderten Artikel schreiben…

 

Das BLASEN-ÜBEL
Einen Tipp möchte ich Euch in Sachen „Blasenvermeidung“ noch schnell an die Hand geben:
Blasen an den Füßen sind ein häufiges Problem in der Wanderszene. Ab einer gewissen Streckenlänge und Dauer steigt die Chance überproportional, dass sich Blasen an Deinen Füßen oder Zehen entwickeln. Dann wird es meist übel und manch eine Blase hat schon über den Abbruch einer Wanderung entschieden.
Da ich eigentlich nie Blasen bekomme – egal, ob ich 130 km nonstop durchs Sauerland wandere oder 5 Tage mit Zelt & Co durch anspruchsvolles Gebirge trekke – nenne ich Euch mal mein Zaubermittel. Es ist die Kombination von doppellagigen Wandersocken und Hirschtalgcreme.
Falls Ihr genauere Infos hinsichtlich dieses Blasen-Prophylaxe-Duos benötigt, kontaktiert mich einfach.

 

Ansonsten alles Gute und viel Freude bei all dem, womit Ihr Eure persönlichen Grenzen neu auslotet!

Euer Karsten

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